Esstisch aus massivem Kirschholz, das Christkind holt die Möbelpacker!

Wir bauen einen Massivholzesstisch aus einem der edelsten heimischen Hölzer: die wunderbare Kirsche spendet ihren warmen aber harten Leib für einen neuen Esstisch. Moderne geschweißte Stahlfüße lassen sie über dem Boden schweben… die Weihnachtswerkstatt ruft und Cultor wird antworten

Prolog:

Weihnachten stand vor der Türe, eine müde Mama saß an einem kleinen Tisch mit zwei Nähmaschinen, der Boden voll mit Stoffen, neben ihr stand ein Stubenwagen mit einem glucksenden Kind darin, den sie mit ihrem rechten Fuß hin und her wippte…in diesem Moment wurde es mir klar: dieser Tisch war schön, aber an seine Grenzen gestoßen, also erwachte der Geist des Christkindes in mir.

Kirschholz: zu schön um wahr zu sein

Zwischen zwei Lockdowns ging die weihnachtliche Reise also zum Holzhändler. Sollte es Eiche werden, oder doch Esche…NEIN, viel besser noch, Kirsche! Kirschbaumholz ist ein einheimisches Laubholz, das meiner Meinung nach eines der schönsten überhaupt ist. Es ist hart, gut zu bearbeiten und entwickelt einen wunderbaren warmen gelbrötlichen Farbton.

Ein schöner Stapel amerikanischer Kirsche lag bereits besäumt und in rechtwinkelige Bohlen zugeschnitten auf einem Stapel feinsäuberlich geordnet in der großen Halle. Ein Blick auf den Kalender (Anfang Dezember) sagte mir : Perfekt, nur noch glatthobeln ,verleimen voila, das würde mir viel Arbeit und Zeit ersparen. Ich legte den Kopf in den Nacken um die benötigte Anzahl der Bohlen zu berechnen, da fiel mir im Augenwinkel ein kleiner Stapel mit der Aufschrift „europäische/österreichische Kirsche “ ins Auge. Verwundene, breite, sägeraue Bretter, die mit Rissen durchzogen waren… ich lächelte zu mir selbst „Na klar, ich werde doch nicht so blöd sein und mir die ganze mühselige Arbeit antun und dieses Holz kaufen…nur weil die Farbe VIEL schöner ist. Noch dazu so knapp vor Weihnachten, die Zeit habe ich gar nicht mehr, Sicher nicht!“.

ich lud also die Europäische-Kirsche in mein Auto und fuhr Richtung Werkstatt…

Besäumen, Zuschnitt und Holzkerne

Als erstes also die Bretter besäumen und versuchen, das Maximum aus dem Holz herauszuholen. Dabei gibt es folgende Eckpunkte:

  • Der Kern muss raus-> hier entstehen sonst unweigerlich Risse
  • Der Splint (Teil zwischen Rinde und Hartholz) muss ab->Splintholz ist weich und parasitenanfällig
  • Ausrichtung der Holzwuchsrichtung beachten

Die rd. 52mm starken Bohlen mussten also aufgetrennt werden. Ich entschied mich dafür, mit der Schlagschnur (Schnur, die mit Kreidepulver eingefärbt wird) die Rohbretterform anzuzeichnen und anschließend mit der Tauchsäge den Grobzuschnitt vorzunehmen.

im Bild sieht man sehr schön die kreisförmigen Wachstumsringe, die vom Holzkern ausgehen. In diesem Bereich sind die Spannungen im Holz am größten, was wie hier oft zu Rissen, vor allem beim Trocknen führen kann. Daher wird dieser Bereich nicht verarbeitet.

Das Auftrennen mit der Handkreissäge war teils grenzwertig. Die Schnitttiefe der Säge beträgt 55mm und das Holz hat im „geraden “ Zustand 52mm, das brachte die Kreissäge teils an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit. Zusätzlich war die Spannung im Holz rund um den Kern so groß, dass sich der Sägespalt wieder schloss. Die Kräfte dabei waren so gross, dass das Sägeblatt stehenblieb, da es vom Holz „festgehalten“ wurde. Abhilfe schafften dann die kleinen Keile aus Eichenholz, die den Spalt wieder weiteten.

fertig aufgetrenntes Holz

Abrichten und Dickenhobeln

Nachdem der Zuschnitt erfolgt war, war es nun an der Zeit die Bretter abzurichten. Dabei wird zuerst eine der beiden längeren Seiten auf dem Abrichthobel (eine Kombimaschine vom Hersteller Record Power) geebnet. Damit entsteht eine gerade Referenzfläche, die dann benutzt wird, um hochkant eine zweite Kante im rechten Winkel dazu abzurichten. Das Thema alleine füllt wieder einen Beitrag… zu beachten sind auf jeden Fall der Faserverlauf, Krümmung etc. beim Hobeln.

rechter Winkel

Dank des rechten Winkels können nun die Bohlen im Dickenhobel auf eine gleichmäßige Stärke gebracht und an der Tischkreissäge die Breite der Bohlen festgelegt werden.

Tipp: Beim Längsschnitt an der Tischkreissäge auf das richtige Sägeblatt achten, da es sonst zu Verbrennungen beim Schnitt kommt. Faustregel für das Sägeblatt: feine Querschnitte: viele Zähne, grobe Längsschnitte: wenige Zähne

Zahngeometrie für den Längsschnitt

So sehen übrigens 150€ Kirschenholz in Form von Spänen aus:

Hobelspäne

Ausrichtung und Verleimung

Mit den so erzeugten Brettern ging es nun ans Anordnen und Verleimen. Bei der Anordnung musste auf die Wuchsrichtung geachtet werden, damit dem Aufwölben der Bretter entgegengewirkt werden kann (siehe dazu auch folgenden Beitrag: Hobelbank Teil 1) .

Frage: Warum nicht einfach zwei breite Bretter aneinander leimen, die rohen Bretter waren doch breit genug ?!

Antwort: Dann würden sich die Bretter mit der Zeit durchbiegen wie eine Schüssel. Nach ein paar Jahren, wäre die Tischplatte nicht mehr eben, sondern würde wie einen Schale aussehen. Zusätzlich würde die Tischplatte der Länge nach im Kernbereich einfach auseinanderreißen.

Nachdem die Anordnung festgelegt war, ging es an die Verleimung. Trotz sorgsamen Abrichtens reicht die Zeit von einigen Stunden, dass das Holz bereits wieder arbeitet und sich leicht verzieht. Daher habe ich mich dazu entschieden, Flachdübel zu verwenden, die dabei helfen, die einzelnen Bretter auszurichten. Außerdem erhöhen Sie die Haltbarkeit der Leimverbindung und verhindern das „Auseinandergleiten“ beim Zusammenpressen. Damit meine ich, dass beim Verleimen von Brettern der Leim wie ein Gleitmittel wirkt und sich die Bretter, gerade beim Zusammenzwingen, noch bewegen können.

Ausbessern von Massivholzbrettern

Die Tischplatte war also verleimt und nun musste ich mich einigen Problemen widmen. Leider war eine der Bohlen so verwunden, dass sie an den Enden nicht mehr die Stärke von 46mm hatte. Ich fräste also diese Stellen mit der Oberfräse aus, um einige Holzflicken einzuleimen.

Gratleisten für einen Massivholzplatte

Trotz aller Sorgfalt hatte die Tischplatte eine Tendenz sich durchzubiegen (<1mm auf 80cm Breite). Dennoch wollte ich dieser Tendenz, vor allem für die Zukunft, entgegenwirken. Hierfür ist das nobelste Mittel die Gratleiste. Es handelt sich dabei um eine mittels Gratnut-Verbindung eingesteckte Querleiste, die das Durchbiegen der Tischplatte verhindert. Wichtig ist hierbei, dass sie NICHT verleimt wird. Sie sollte stramm in der Nut sitzen, aber nicht verleimt werden: Warum? -> Wenn man Sie verleimt, kann es sein, dass die im 90 Grad Winkel zueinander angeordneten Leisten beim Quellen die quer dazu stehenden Verleimungen der Tischbretter „auseinanderziehen“ .

Das Bild soll dies veranschaulichen:

  • Rote Pfeile: Quell- und Schwindrichtungen der Holzteile (in 90 Grad zueinander)
  • Schwarze Pfeile: hier würde bei einer Verleimung die Gratleiste die Leimfuge „auseinanderziehen“
  • Grüner Pfeil: Tendenz der Platte sich durchzubiegen, welcher die Gratleiste auf Grund ihrer Ausrichtung entgegenwirkt
Quellen und Schrumpfen

Die Nut endet etwas vor der Kante, damit die Plattenkante nur an einer Tischseite aufgefräst wird. Die Gratleiste wird eingeschoben und dann die aufgefräste Seite mit einem Passstück verschlossen. Die Gratleiste ist also nur eingesteckt und hält selbstständig durch ihre Trapezform. Die Gratleiste wirkt nun dem Durchbiegen der Tischplatte entgegen. Trotzdem können beide, Tischplatte und Gratleiste, weiterhin quellen und schwinden,ohne sich zu behindern, eine geniale Verbindung!

Schleifen, Kitten, Stahlfüße und Rückenschmerzen

Ecken fräsen, abrunden, und SCHLEIFEN….diese fünf Worte sind in der echten Werkstattwelt ungefähr 12-18 Stunden Arbeit. Aber es muss sein, und so wurde der Tisch, von Körnung 80 ausgehend, über 120-180-240 in einer immer feiner werdenden Körnung geschliffen. Zum Ende mit einem feuchten Tuch die Platte abwischen, damit sich die letzten Fasern aufstellen und dann den endgültigen Schliff durchführen.

Wenn die Oberfläche einem Babypopo in Sachen Glattheit Konkurrenz macht, dann und erst dann wird geölt!

Um die letzten (groben) Fehlstellen zu Kitten, habe ich zunächst ein Teststück mit verschieden Holzkitfarben angefertigt um den richtigen Farbton zu treffen.

Zuletzt wurden noch die Löcher für die Tischfüße vorgebohrt. Für das Hantieren hätte ich mir anschließend mindestens 2 Möbelpacker gewünscht, das schöne Prachtstück wiegt nämlich ca. 60kg ohne Füße und 75kg mit Füßen.

Löcher für Tischfüße vorbohren

Finale: Kirschen Massivholztisch

2 Bandscheibenvorfälle später wurde das schöne Präsent, pünktlich nach 2 Tagen Trocknungszeit für das Öl, am 24.12.2020 um 10:30 vom etwas erschöpften Helfer des Christkindes, durch 6 Feuerschutztüren hindurch in den 5. Stock gebracht, damit der Tisch „unter“ dem Christbaum stehen kann.

FROHE WEIHNACHTEN 2020, euer Cultor

fertiger Massivholztisch

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Georg

    Also der Kirschtisch animiert mich sehr meinen eigenen Couchtisch aus NATÜRLICH österreichischer Kirsche bald mal zu beginnen. Allerdings ist der Baum erst vor 12 Monaten (selbst) gefällt worden. Es wird also noch ein bisschen dauern bis das Holz durchgetrocknet ist. Und glaub mir, die Verwerfungen in deinem Holz sind NIX! Eine Platte von ca. einem Meter hat etwa 5 cm Verwerfung. Aber die Schönheit des Tisches, und auch dass kleine Kinder ihn sicher nicht umwerfen können macht doch alle Mühe wieder wett.
    LG
    H.A.M. (hinkender alter mann)

  2. bauer stefan

    Ein wunderschönes Stück! ..mit vielen Überlegungen und sorgfältiger Arbeit! Hätte gerne gewusst, mit welchem Öl das schöne Stück eingelassen wurde, Leinöl, oder? Bei allem Patriotismus (österreichisches Holz) hätte ich wahrscheinlich eher zu den fertigen amerikanischen Bohlen gegriffen, um – gebe ich zu – mir Arbeit zu sparen. Übrigens gute Idee, den Holzkitt zu testen! Aus eigener Erfahrung: meistens hat das Zeug im trockenen Zustand einen ganz anderen Farbton als bei Verwendung! Erfolgreiches und gesundes 2021!

    1. Avatar-Foto
      CULTOR

      Danke dafür ! Der Tisch ist mit Hartwachsöl (Mischung aus Carnaubawachs und Öl) eingelassen. Das Hartwachsöl bildet eine strapazierfähige Oberfläche die auch wasserabweisend ist, sonst sieht man jeden Wasserring auf der Tischplatte. Lg Cultor

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