HiFi-Sideboard Teil 4: Via Crucis und der (hl.) Korpus

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Im vierten Teil begeben wir uns auf den Kreuzweg, um den Korpus des HiFi-Sideboards zu vollenden. Durch eine Reihe von Rückschlägen kämpfen ich und mein Alter Ego Cultor uns durch das Martyrium des Holzhandwerkes. Zündet ein Kerzchen für mich an und los geht es:

Ich empfehle an dieser Stelle Händels Messisas als akustischen Begleiter für die folgende Reise.

Es war ein weiter, steiniger Weg bis hierher, ich musste Furnieren lernen (siehe Teil1 ), musste die Basis bauen (siehe Teil 2) und der Blues machte in Teil 3 einen Besuch bei den formschönen Schiebetüren. Da lagen die furnierten Teile vor mir und es war klar, dass nur eine Möglichkeit für die Verbindung im Raum stand, eine 45° Gehrung sollte es sein. Mir war von Anfang an bewusst, dass dies kein leichtes Unterfangen werden würde. Denn jeder weiß, was das Schwierigste in einer Hobbyisten-Werkstatt ist: Richtig – der rechte Winkel! „Hey Cultor, fehlen dir nicht 45° ?! du hast doch gerade gesagt eine 45°-Verbindung und nun jammerst du über den rechten Winkel ?! “ Ja, ich jammer und klage darüber, weil um alle Seitenteile mit einem 45° Winkel zu verbinden, muss man entweder eine Formatkreissäge besitzen oder das Ganze mit einer Sägeschiene machen. Ich habe eine recht gute Sägeschiene, sogar mit einem recht präzisen 90° Winkelanschlag, aber…Aber…ABER…kann sich der werte Leser noch an die Anleimer aus dem Teil eins erinnern?! Ich kann es leider, denn diese habe ich verleimt, in dem ich sie nur mit Maler-Kreppband fixiert habe…oh wie habe ich es bereut. Erstens waren die Anleimerleisten nicht perfekt gleich dick, da mein Dickenhobel eher ein Grobian und kein Feingeist ist, und zweitens war die Leimkraft nicht ideal und somit waren zwar die furnierten Bretter im Winkel, aber die Anleimer-Leisten waren leicht gebogen. Und was passiert, wenn man einen präzisen Anschlag an eine gebogenen Kante anlegt ?! …

Es war also von Anfang an mein Plan gewesen, dass mein neues HiFi-Sideboard exakt 159 cm breit sein würde und nicht ekelhafte 160cm! *Hüstel*. Mehrere Schnitte später war also ein akzeptabler 45° Winkel an allen Seiten angebracht und zur Verbindung hatte ich auserkoren, dies mit Flachdübeln auszuführen. Also ran ans Werk und die Flachdübelfräse angeworfen und die Verbindungen gefräst.

Theophanie: Festool Domino

Da passiert es: ein leuchtend heller Blitz erhellte das Wohnzimmer und Engelschöre sangen. Cultor sank instinktiv auf die Knie und streckte die Arme geblendet vor sich. Eine gleißend helle Gestalt erschien im Wohnzimmer und mit Engelsstimme sprach das göttlich Wesen „CULTOR! Champion der Holzwerker, Blues geplagter Gläubiger, Kämper der Wahrhaftigen, empfange diese FESTOOL DOMINO Fräse aus meinen Händen und gehe hin in deine Werkstatt und verbinde, wie doch noch nie verbunden hast!“ Tränen rannen über Cultors Gesicht „JA!“ rief er…

Naja vielleicht war es nicht ganz so episch, als mir meine Prinzessin das neue Spielzeug zu Weihnachten geschenkt hat, aber das mit den Engelschören war definitiv so, ich schwöre.

Vortan dübelte ich also alles mit meiner neuen Domino Fräse zusammen. Und das bedeutete natürlich, dass ich bereits die fertigen Verbindungen sämtliche neu machte *HiHi*. Man kann sagen was man will über das Festool Domino System, aber es gibt wenige Werkzeuge, die derart präzise , durchdacht und schnell und einfach einzusetzen sind!

das erste Mal zusammengesteckt

Auf der Via Crucis:

Handwerken heißt manchmal leiden! Es folgen nunmehr die Stationen des Kreuzweges:

Station 1: Ver-flachdübelt

Um die Häupter in der Mitte mit dem Korpus zu verbinden, wollte ich auf Schrauben verzichten und habe mich deswegen für Flachdübelverbindungen entschieden. Also alles penibel angerissen, 3 mal gemessen und losgedübelt… die erste Fräsung > DANEBEN!

Er fällt zum ersten Mal: furniertes (!) Passstück auf einen halben Flachdübel aufleimen und in das falsch gefräste Dübelloch einleimen und dann verschleifen.

Station 2: Furnieren, erneut

Moment woher kommen die Zwischenbretter? Richtig ich habe wieder furniert *HIHIHAHA*

Er fällt zum zweiten Mal: die verdammt teure 15mm Sperrholzplatte war nicht eben und gerade und dadurch waren nun alle extra furnierten Bretter gewölbt wie eine Obstschüssel aus einem Töpferanfängerkurs

Station 3: Ver-dominot

Um die Stabilität zu erhöhen, habe ich eines der Regalbretter fix eingeleimt. Also heraus mit der Domino, anzeichnen und die Verbindungen einfräsen. Moment – habe ich den Abstand jetzt von vorn oder hinten gemessen?!

Er fällt zum dritten mal: furniertes (!) Passstück auf einen halben Dominodübel aufleimen und in das falsch gefräste Dübelloch einleimen und dann verschleifen.

Station 4: Ver-bohrt

Bevor ich den Korpus verleimen konnte war es nötig (nagut – wollte ich) ein nobles 32 Lochsystem einbringen. Das sind nichts anderes als die Lochreihen, damit man Regalbretter in der Höhe verstellen kann. Es hat mich Einiges an Überlegungen gekostet und bedrohliches stundenlanges Starren auf die Platten vor mir, bis ich alle Lochreihen angezeichnet hatte. Ich habe zwar eine Lochreihenschablone, damit die Abstände immer gleich sind, aber diese muss natürlich exakt ausgerichtet sein. Schwierig war für mich vor allem, dass ich keine einheitliche Bezugskante hatte, da die Häupter in der Mitte ja nach hinten versetzt sind. Zusätzlich ist der Rahmen ja auf Gehrung gesägt und die Häupter in der Mitte stumpf. Die fehlenden einheitlichen Referenzkanten waren also die Schwierigkeit. Nach viel Gezeichne und noch mehr Herumgemesse habe ich mich dann darüber getraut.

Er fällt zum vierten Mal: Eigentlich wollte ich die Bohrungen mit einem extra gekauften Dübellochfräser, also mit der Oberfräse machen. Doch der Fräser hatte die falsche Drehrichtung und glühte das Loch in das Holz anstatt es zu schneiden. Also wechselte ich auf die Stahlbuchse und den Handbohrer, obwohl ich es nicht wollte. Die Präzision von handgeführten Bohrern ist einfach nicht dieselbe wie die von einem Fräser > es sollte sich später heraustellen das alle 5mm Löcher ca 5,1mm Durchmesser aufwiesen und die Regalbodenhalter somit alle wackelten.

Er fällt zum fünften Mal: Und dann sah Cultor auf den dicken Bleistiftstrich und die Lochreihen, die deutlich daneben lagen. Er hatte die Bohrschablone an der falschen Linie ausgerichtet, manchmal können dunkle Jahresringe wie Bleistiftstriche aussehen. Also Dübel aus Eiche in 5mm herstellen, da ich natürlich nur 8mm Eichenholz Rundstangen da hatte, und die ganze Lochreihe damit zuleimen und alles nochmal.

OK ich muss an dieser Stelle einschreiten. Die Nachbarn beschweren sich wieder über die 2 schreienden Kinder im Hause Cultor. Wenn die wüssten, dass das eigentlich mein Blues-gequältes Alter Ego Cultor ist. Jaja, Freud und Leid liegen immer sehr nahe beinander im Handwerksbereich, aber das wisst ihr ja bereits.

Station 5: Ver-fasert

Als letzten Schritt vor der Verleimung des Korpus wollte ich noch kurz das fertige Untergestell nachschleifen, ausrichten und Einschraubmuffen in den Boden einlassen.

Nach der Wartezeit war das Untergestell (siehe Teil 2 ) leider etwas verzogen, also entschied ich mich das ganze nocheinmal kurz über den Abrichthobel zu schicken und etwas zu verstärken. Die Dominos wären damals ideal gewesen um das Gestell zu verleimen, aber die hatte ich damals noch nicht.

Er fällt zum sechsten Mal: Ich dachte mir schon, dass es keine gute Idee wäre, das Gestell über den Abrichthobel zu schicken, da dieser am Ende in das Hirnholz der Füße fräsen würde. Ich ritzte also die Fasern vorher extra mit dem Meser ein um eine „Sollbruchstelle“ zu erzeugen“. Es machte ein grässliches Geräusch und dann sah ich es…

Entschuldigung ich muss nur kurz die Tränen wegwischen, dann geht es weiter.

Cultur, ca. 2024 AD

Verleimen des Korpus

Nachdem ich den Kreuzweg (vermeintlich) verlassen hatte, war es also endlich an der Zeit alles zusammenzuleimen. Ich wollte es richtig machen, daher habe ich extra Leimhilfen angefertigt. Einfach einen kleinen Balken im 45°-Winkel auftrennen und dann auf eine Platte schrauben. So kann nachher die Zwinge im 90°-Winkel für die 45°-Verbindung angestezt werden. Damit mir der Leim das schöne Furnier nicht versaut, habe ich eine volle Rolle Maler-Kreppband verbraucht, um entlang der Leimstellen abzukleben.

Erlösung:

Noch etwas die Leimkanten hobeln und nachschleifen und schnell das Maler-Kreppband abziehen. Hej, warum geht das nicht einfach ab…

Cultor starrte auf seine Fingernägel, die bis auf schmerzende Stümpfe abgenutzt waren, 3 TAGE hatte es gedauert, das ganze Maler-Kreppband in mikroskopisch kleinen Fuzeln wieder zu entfernen. Er sank auf die Knie, bittere Tränen rannen über seine Backen, der Korpus stand vor ihm wie ein Monument des Leides und des Stolzes. Fast zärtlich strich er über die frisch geschliffene Oberfläche und flüsterte „Auf, AUF, ich sehe schon das Ziel!“, dabei erleuchtete eine kleiner Ring über seinem Kopf…

wir sehen uns im Finale, euer Cultor

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. BFF - Michi

    Die Musik Empfehlung war genau auf den Punkt.
    Nichts was ich normalerweise durch meine Kopfhörer jagen würde, aber du diesem Kreuzzug war nichts anderes angemessen.
    Großen Respekt, immer wieder die Motivation zu finden, doch noch weiter zu machen!
    In meiner Werkstatt hätte ich aus diesem Prachtstück aber ganz sicher ein sehr teures Lagerfeuer entzündet.

  2. Papa

    Zufall oder höhere Eingebung, dass dieser Beitrag zu Fronleichnam ( = KORPUS Christi) erschienen ist?
    In weiteren Phasen vielleicht mal Toni Faber um Beistand bitten! 🙂
    Viel Lob für die großen Mühen bei den diffizilen Korrekturarbeiten!

  3. Anonymous

    nicht nur das ich bei Händel sowieso heule, kommt noch eine komplette Verwirrung über Winkel, Schleifen, Kleben nebst historischen Furnierböcken und als Kontrast wie in einem Operationssaal die Fixierungen der Verleimungen. Nach diesem Beitrag frage ich mich , ob die Engelchöre zu Weihnachten ihr Ding, was bedeutet ordentlich ihre Botschaft ausgeführt haben?
    Aber es ist ja noch Zeit für das endgültige wie ich weiß Prachtstück!!!!

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